Anjas Tagebuch

Nach 30 Jahren Schwerhörigkeit
entscheidet sich Anja für ein CI

Ich heiße Anja und bin von Geburt an schwer hörbeeinträchtigt. Ich wohne in Mainz und bin 29 Jahre alt. Mit 5 habe ich mein Gehör komplett verloren. Seither kann ich, selbst mit Hörgeräten, links fast nichts mehr hören. Ich musste mich aufs Lippenlesen verlegen und habe ohne größere Probleme eine Gehörlosenschule in Frankfurt besucht. In den darauffolgenden Jahren habe ich mich entschlossen, mehr und mehr in die Welt der Hörenden einzutauchen, um am Arbeitsplatz, mit der Familie und mit hörenden Freunden besser kommunizieren zu können. Dies ging natürlich nicht ganz ohne Probleme beim Verstehen und Verstandenwerden ab.
 

Besonders schwierig war es in Gruppen – ich fühlte mich immer schnell als Außenseiter, weil ich nicht verstand, was los war. Ich mag Fernsehen und Filme, aber früher musste ich mich auf die wenigen Filme beschränken, die mit Untertiteln zu haben waren. Auch in anderen Alltagssituationen, z. B. beim Einkaufen, habe ich einfach vieles nicht verstanden. Ich habe auch bemerkt, dass einige Leute aus Unsicherheit vermieden haben, sich mit mir zu unterhalten. Das hat wirklich wehgetan!

Als ich eines Tages mit meiner Mutter über meine Hörprobleme sprach, erzählte sie mir, dass sie von der Cochlea-Implantation gehört hätte. Ich kannte zwar einige Leute mit Cochlea-Implantaten (CIs), aber hatte diese Lösung bis dahin für mich nicht in Betracht gezogen. Nun begann ich, über dieses Thema nachzudenken und mich zu informieren. Die meisten CI-Nutzer waren begeistert, und das machte mich zuversichtlich. Natürlich bin ich auch Leuten begegnet, bei denen das Ganze nicht so erfolgreich verlief. Es verblüffte mich, wie wenig die Gehörlosen insgesamt über das Thema Cochlea-Implantate wussten. Meine Freunde jedoch schienen echt begeistert zu sein. Sie erzählten mir, wie schön es wäre, Musik usw. zu hören. Ich habe so viel Gutes über CIs gehört, dass ich für mich beschloss: „Ich muss es wirklich selbst versuchen.“

Wie erfolgreich das CI ist, hängt letztendlich von einem selbst ab, besonders davon, wie sehr man sich darum bemüht, nach der Operation das Hören zu erlernen. Das hat mich auch bestärkt, denn ich bin eine Kämpfernatur, und ich wusste, dass es einfach funktionieren musste. Ich war fest davon überzeugt, dass es möglich ist, besser zu hören. Das wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Tief im Inneren wusste ich, dass ich mich bereits entschieden hatte, diese Richtung einzuschlagen. Nichts hätte mich mehr aufhalten können. Auf der linken Seite war ja nichts mehr zu verlieren – ich konnte eigentlich nur gewinnen! Mit diesen Gedanken im Kopf entschied ich mich, den Schritt zu wagen.

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